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Lucy eine tapfere kleine Vogeldame

Im Dezember 07 wurde unser Micky sehr krank, wir mussten oft zum Tierarzt und waren schon sehr verzweifelt. Micky litt an Epilepsie, die wir mit Kortisonspritzen bis dahin im Griff hatten. Aber irgendwann ist er zu schwach geworden. Wenn wir zum Tierarzt fuhren, nahmen wir immer seinen besten Freund “Nevio” mit, der ihn durch die schwere Zeit begleitete und ihn in allen Lebenslagen unterstützte. Eines Tages als wir wieder den Tierarzt aufsuchten, sahen wir einen kleinen Vogelkäfig bei Fr. Dr. Sander stehen, in der ein kleines Häufchen Elend hockte. Mein Herz erweichte sofort und ich fragte unsere Tierärztin was mit der kleinen Wellidame geschehen sei. Sie erklärte mir, dass der Vogel aus schlimmen Verhältnissen kam und vom Veterinäramt beschlagnahmt worden war. Die Wohnung der Besitzerin war wohl sehr verwahrlost, ebenso auch ihre Tiere. Mit dem Wellensittich hatten noch Hund und Katze in der Wohnung gelebt. Ich sah mir die Kleine genau an und musste feststellen, dass sie nur noch gespreizt sitzen konnte und ihre kompletten Füße/Zehen verdreht waren. Darüber hinaus hatte sie ein gebrochenes Becken. Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Höllenqualen sie durchlitten haben muss. Zudem fiel mir auf, das sie einen komplett entstellten Schnabel hatte. Der Oberschnabel hatte eine unglaubliche Länge erreicht und auch der Unterschnabel war schon so lang, das er am Oberschnabel vorbei wuchs. Die Tierärztin berichtete mir, dass der Wellensittich ein sehr starkes Leberproblem und auch große Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme hatte. Sie konnte kaum vernünftig fressen und musste mit der Kropfsonde ernährt werden.

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Ich fragte unsere Ärztin, was mit dem Vogel geschehen würde und sie antwortete, dass das Amt entscheiden müsste, ob das Tier zur Vermittlung freigegeben werden kann. Als ich das hört, fragte ich mich, ob die allen Ernstes noch darüber nachdachten, das Tier zurück zu geben.  Ich bot mich an, die kleine Maus bei mir aufzunehmen, denn ich wollte ihr ein schönes zu Hause bieten.

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Da ich bereits mal ein Weibchen hatte, das durch einen schweren Unfall in einer Außenvoliere ähnlich entstellt  war,  besaß ich auf dem Gebiet schon einige Erfahrungen. Noch mal zurück zu Micky, unserer kleiner Schatz starb leider im Dezember und wir waren darüber sehr traurig. Nevio hatte ihm bis zu seinem Tod zur Seite gestanden, in der letzten Nacht stütze er ihn sogar mit seinem ganzen Körper. Er war überhäuft von Erbrochenem, aber er stütze ihn wo er konnte. Nevio ist ein Freund, wie man ihn sich besser nicht vorstellen kann. Warum ich das eigentlich erzähle? Als dann der Anruf von unserer Tierärztin kam, dass wir endlich die kleine, kranke Maus abholen durften, war Nevio einer der ersten Wellis, der auf  Lucy, wie wir sie nannten, zuging. Später wurden die beiden dann ein festes Paar. Ich mag das so gern erzählen, weil ich immer glaube, dass Micky nicht ganz unschuldig war.

Im Februar 08 zog Lucy bei uns ein. Zunächst musste ich beobachten, wie sie in der großen Voliere zurechtkam.  Ich bastelte ihr eine große Platte, auf der sie sich liegend fortbewegen konnte. Da sie dies aber nicht gewohnt war und immer zwischen Gitter und Stange hing, nahm sie das Angebot erst nicht an. Irgendwann merkte ich jedoch, dass sie festgestellt hatte, wie bequem es auf der Platte war, denn sie blieb nun länger liegen. Es gab aber leider ein Problem: Alle anderen Wellensittiche  wollten mit ihr spielen und sie anbalzen, so das sie keine Ruhe fand. Wenn ich ihr Hirse zum Fressen hinlegte, wurde es immer von allen anderen aufgemampft. Lucy war ohnehin schon untergewichtig, aber so nahm sie noch weniger zu sich, als sie eigentlich gekonnt hätte. Die ersten Tage musste ich zufüttern, denn Lucy wog nur 29 Gramm. Ich richtete ihr einen Platz in einem kleinen Extrakäfig her, in dem ich eine  durchgängige Platte aus Pappe einbaute. Darauf legte ich ein Handtuch, damit Lucy´s Füße sich nicht wund scheuerten und sie keine Druckstellen bekam. Nachdem ich sie in den Käfig gesetzt hatte, war sie zunächst sehr skeptisch, aber dann kam sie endlich zur Ruhe. Am Anfang kletterte sie immer noch an den Gitterstäben hoch und suchte irgendeine Sitzstange. Sie konnte nicht verstehen, dass die Platte für sie bequem sein wird. Irgendwann ließ sie sich fallen und merkte zu meiner Überraschung sofort wie angenehm es dort war. Ich beobachtete sie, wie sie zum ersten Mal liegend schlief. Das sah sehr entspannt aus, einfach nur goldig!
Während der nächsten Tage blieb sie sitzen und musste sich erstmal eingewöhnen. Laufend bekam sie Besuch von den anderen Wellis. Nevio kam ganz oft zu ihr, bis sie sich heiß und innig verliebten. Von da an waren sie unzertrennlich. Nevio stand immer auf der kleinen Käfigtür, um sie zu bewachen. Keiner durfte versuchen,  in ihre Nähe zu kommen. Nur Weibchen war das gestattet, kamen Männchen, gab es gewaltigen Ärger  mit  Nevio. Er fütterte Lucy und spielte mit ihr. Sie war ihm total verfallen. Ich freute mich so für sie, denn ich musste nie wieder zufüttern.

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Nach zwei Wochen sah Lucy blendend aus. Ich wog sie und stellte erfreut fest, dass sie zehn Gramm zugenommen hatte. Es ging ihr offensichtlich gut. Nach etwa zwei Monaten hörte der Unterschnabel auf zu wachsen und sie konnte wieder selbstständig fressen. Ich versuchte es jetzt auch mit einem Stück Apfel, das sie  aber sehr kritisch beäugte. Leider hatte sie so etwas nie kennengelernt. Zwischendurch versuchte ich auch Salat, den sie mit Vorliebe zum Baden nutzte. Lucy war wie ausgewechselt. Das beim Tierarzt noch  schüchterne, kleine Mädchen war verschwunden. Hier saß eine glückliche, sehr verliebte und lebensfrohe hübsche Wellidame, die ihren zweiten Frühling erlebte. Nevio war ihr Held und er war auch meiner, denn ohne ihn hätte sie niemals mehr selbstständig fressen können. Nevio gab ihr Vitamine mit seiner Fütterung weiter, die sie niemals so aufnehmen hätte können. Ihre Leber wurde kleiner und der Oberschnabel wuchs nur noch geringfügig.  Nevio machte die kleine Lucy wieder gesund. Als wir bei Fr. Dr. Sander zur Kontrolluntersuchung waren, freute sie sich richtig über ihre Gewichtszunahme. Sie tastete Lucy ab und war erstaunt wie gut es ihr ging. Wir freuten uns natürlich auch.

Nevio und Lucy waren ein Herz und eine Seele. Diese Liebesgeschichte ist eine der schönsten, die ich in meinen Wellensittichjahren je miterlebt habe. Nevio  war eigentlich einer der schüchternsten Wellis die ich besaß. Als Lucy zu uns kam, musste ich sie jeden Tag pflegen und beobachten, dadurch verlor Nevio seine Angst vor der Hand. Er wollte schließlich sehen, was wir dort mit Lucy machten, und er konnte sie nicht  für fünf Minuten aus den Augen lassen. Er war doch sooo verliebt.
Einmal pro Woche musste ich Lucy´s Fußballen in Kamille baden, damit sie nicht  wund wurden. Zwischendurch cremte ich ihre Füße auch mit einer Wund-und Heilsalbe ein. An manchen Tagen setzte ich mich gemütlich mit ihr  auf die Couch und pulte ihre Federkiele auf. Nevio war zwar der beste Fütterer, aber dafür leider ein schlechter Krauler. Er hatte offensichtlich nicht die Geduld dazu. Er selbst ließ sich zwar oft verwöhnen, ließ im Gegenzug aber immer auf sich warten. So übernahm ich die Gefiederpflege von Lucy. Nevio flog ihr stets hinterher, und so kam es, das er immer zahmer wurde. Die beiden hatten eine schöne und sehr verliebte Zeit. Der kleine Käfig war genau das Richtige für die süße Maus, hier hatte sie ihre Ruhe, konnte aber dennoch Besuch empfangen und auch mal mit anderen flirten, was allerdings gar nicht so einfach war, denn Nevio warf immer ein wachendes Auge auf sie.  Im Sommer zog Nico zu ihr. Er war ein Rupfer und somit flugunfähig. Nico fühlte sich in der großen Voliere nicht sehr wohl, also beschloss ich, ihn zu Lucy zu setzen. Das war der einzige Vogelmann, den Nevio in Lucys Nähe duldete. Auch heute sind Nico und Nevio noch Freunde.

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links Lucy rechts Nico

Im November wurde Lucy krank. Am Freitag war sie noch fit und am Samstag ging es rapide bergab. Sie fing an zu spucken, nahm keine Nahrung mehr zu sich. Ich fütterte sie wieder mit der Kropfsonde.  Zwischenzeitlich sah es so aus, als würde sie sich erholen, deshalb bin ich nicht zum Tierarzt gegangen. Am Sonntag bangten wir weiter. Ich gab ihr Traubenzucker und versuchte sie zu päppeln, aber leider sah es nicht gut aus. Montagmorgen wollten wir dann endlich zum Tierarzt, aber sie hatte für sich schon entschieden. Am Morgen war sie schon sehr schwach, so dass ich entschied, zu Hause zu bleiben und sie in ihren letzten Stunden keinem Stress mehr auszusetzen. Ihre Leber versagte offensichtlich. Sie starb während Nevio neben ihr saß. Er hat auch sie bis in ihren Tod begleitet.

Als Nevio sah, wie ich Lucy aus dem Käfig nahm, schrie er unaufhörlich. Ich zeigte sie Nevio noch einmal in dem Glauben, dass er sich verabschieden würde, aber leider begriff er es nicht und flog hinter mir her. Ich wickelte Lucy in ein Tuch und legte sie in einen kleinen Karton Nevio beobachtete das alles sehr aufmerksam und rief ihr immer nach. Er verstand es nicht,  flog immer um mich herum und schrie bitterlich. Den ganzen Tag suchte er nach Lucy, in  jeder Ecke, in der sie je gesessen hatte. Er rief und rief, aber bekam keine Antwort mehr. Über den Verlust von Lucy war ich sehr traurig, noch trauriger aber machte mich Nevios Verzweiflung. Es dauerte zwei Tage, bis er sich beruhigt hatte und aufhörte zu schreien. Er wandte sich von mir ab und zeigte mir die kalte Schulter. Er war böse auf mich, dass konnte ich deutlich spüren.
Es dauerte jedoch  nicht lange und Nevio hatte schon bald wieder eine neue Freundin.Nach ein paar Tagen kam er auch wieder auf mich zu. Nun ist Nevio glücklich mit seiner Hannebirt. Ich hoffe, dass sie noch lange miteinander turteln können, denn Nevio ist für mich ein wahrer Held. Leider war Lucy nicht lang bei mir, aber ich denke, dass sie eine sehr schöne Zeit hier erleben durfte.

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